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The Space of Synagogues

Lviv/Ukraine

‚Wo ist das jüdische Lemberg? Wo sind seine etwa 45 Synagogen und Bethäuser, die hier bis zum Zweiten Weltkrieg existiert haben sollen? Auf den ersten Blick scheint jede Spur dieses religiösen Lebens getilgt, trotz all der historischen Bausubstanz, die sich in dieser Stadt über Jahrhunderte erhalten hat. Auf den zweiten Blick aber lassen sich Spuren finden, erzählen Lembergs Straßen und Häuser, Höfe und Plätze doch etwas von der reichen jüdischen Geschichte der Stadt (...).‘ (Katharina Schubert in ‚Jüdische Gedenkorte in Lviv - eine Bestandsaufnahme‘, 2008)

Im jüdischen Viertel der Altstadt zerstörten die Nationalsozialisten 1941-1943 auch zwei Synagogen sowie die Toraschule Beth Hamidrash. Die Turei Zahav Synagoge (auch ‚Goldene Rose’ genannt) stellte dabei eine der architektonisch bedeutendsten Synagogen Osteuropas dar. Über Jahre lagen die Flächen brach, nur noch wenige Bestandteile sind als Ruine erhalten. 2010 lobte die Stadt Lviv unterstützt durch die GIZ und das Center for Urban History of East Central Europe einen international offenen Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenkortes aus. Basierend auf dem prämierten Wettbewerbsentwurf wurde die Planung in den Jahren 2011 bis 2015 weitergeführt. 2016 erfolgten die Realisierung und Eröffnung des ersten Bauabschnittes auf den Flächen der zerstörten Toraschule und der Sicherung und Einbindung der Ruine der ‚Goldenen Rose’. Die Planung für den zweiten Bauabschnitt, den Bereich der Großen Stadtsynagoge, wird aktuell ausgearbeitet. Ziel ist die Umsetzung in den Jahren 2019 und 2020.

Ausgehend von der eigenständigen Präsenz der drei zerstörten Gebäude wurden die drei Orte jeweils in Ihrer spezifischen räumlichen und atmosphärischen Eindrücklichkeit gestärkt. Die authentischen Ruinen der ‚Goldenen Rose’, die schmerzliche und abstrakte Leere des Synagogenplatzes und die kleine Grünfläche in den nachgezeichneten Mauern der Toraschule als Ort der Begegnung und Reflexion bilden eine differenzierte Komposition. Authentizität, Kommunikation und Irritation dienen als Zugänge zum Gedenken und Ansätze für ein Geschichtsbewusstsein kommender Generationen.

Den heute noch erhaltenen und im Rahmen des Gesamtprojektes konservierten Ruinen der ‚Goldenen Rose’ wird ein flacher Holzsteg vorgelagert. Dieser zeichnet die Kontur der zerstörten Frauengalerie nach und ermöglicht einen Einblick in die Ruinen aus wertschätzender Distanz. Eine filigrane Stahlkonstruktion schützt die Mauern und führt entlang einer non-invasiv konstruierten Treppe in die Ruine hinab, die bei Führungen geöffnet ist. Im Bereich der Toraschule wurde die Kontur des Gebäudes durch eine hellweiße Betonmauer nachgezeichnet und als grüner und lebendiger Ort des Dialogs gestaltet. Die Mauern sind dabei entsprechend der archäologischen Befunde dimensioniert. Die bewusst ‚Schwere und Simplizität’ wird durch die geschliffene polierte Oberfläche mit warmgrauem Natursteinzuschlag sowie die tiefe Schattenfuge zusätzlich inszeniert. Die bislang erfolgten (sowie entsprechend der Verfügbarkeit in der Ukraine vorgesehenen weiteren) Baumpflanzungen werden den Raum in den kommenden Jahren mit lichtem Schatten versehen. Der vormals zwischen den beiden Gebäuden liegende Hof wird zu einem Ort der Information. Gemeinsam mit der Berliner Gestalterin Sophie Jahnke wurde eine auf der Wettbewerbsidee der ‚fortzuschreibenden Geschichte‘ basierende Installation mit gravierten Natursteintafeln entwickelt. Diese sind Teil einer bewusst reduzierten atmosphärischen und emotionalen Erlebbarmachung der jüdischen Geschichte Lvivs vor und nach dem Holocaust. Zitate und Bilder aus der Geschichte der Stadt und des Ortes, gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde und verschiedenen Historikern ausgewählt, werden dabei chronologisch frei gereiht dargestellt. Die teilweise Zerstörung der Steine durch Witterungseinflüsse und deren dichte, fragmentierte Positionierung sind ein Abstraktum der lebendigen, tragischen Geschichte und der fast verschwundenen Präsenz der jüdischen Gemeinde in Lviv.


Stadtplan 18 Jhdt. Historische Altstadt Lviv mit jüdischem Viertel im Südosten © Center for Urban History of East Central Europe, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2012


Grundrisse der drei zerstörten Gebäude: Synagoge Goldene Rose, Toraschule Beth Hamidrash, Große Stadtsynagoge © Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2013


Gedenkort auf dem Grundriss des zerstörten Beth Hamidrash und der Synagoge Goldene Rose © Sofia Dyak, Sofia Dyak, Center for Urban History, Lviv, 2017


Gedenkort auf dem Grundriss des zerstörten Beth Hamidrash und der Synagoge Goldene Rose © Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Gedenkort auf dem Grundriss des zerstörten Beth Hamidrash und der Synagoge Goldene Rose © Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Nachzeichnung der zerstörten hölzernen Frauengalerie der Goldenen Rose © Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Details Goldene Rose / Perpetuation / Beth Hamidrash © Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Installation 'Perpetuation' - Bilder und Zitate als Momentaufnahmen der Geschichte des Ortes © Sophie Jahnke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Eröffnung des Gedenkortes im Rahmen der 'European Days of Jewish Culture' © Sofia Dyak, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Eröffnung des Gedenkortes im Rahmen der 'European Days of Jewish Culture' © Sophie Jahnke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2016


Entwurfsverfasser
Franz Reschke, Franz Reschke Landschaftsarchitektur

Mitarbeiter
Ninon Weber-Wittenberg
Frederik Springer
Felix Brüssow


Fachplaner / Bauleitung
Studio Sophie Jahnke (Ausstellung, Objekt 'Perpetuation')
Yuriy Stolarov Architekt, Lviv (Bauleitung)

am Bau beteiligte Firmen
Sven Bäucker, Moplott (Folien Sandstrahlung)


Auftraggeber | Bauherr
Stadt Lviv
Center for Urban History of East Central Europe
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

Bearbeitungszeitraum
11/2010 - 09/2016

Planungs- / Baukosten
300.000 UAH