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ROOTED IN CLAY_WY Garten

Winnipeg, Kanada

Der WY Garten gedeiht auf einem schmalen Grundstück am Red River in Winnipeg. Hergestellt aus fluvialen Sedimenten, Pflanzen, Licht und geretteten Materialen zeigt der Garten, dass einladende Orte nicht Unmengen an Ressourcen benötigen. Die Pflanzen bedecken den Garten inzwischen vollständig. Ein Wald aus Wurzeln schützt die Parzelle vor Erosion und viele Lebewesen finden hier Unterschlupf, auch im Winter bei Temperaturen unter -40 Grad. Die Pflanzenverwendung erkundet die Grauzonen städtischer Rechtsvorschriften, ist ein Anti-Statement zum Canadian Lawn und zielt dabei bewusst auf eine in Winnipeg noch nicht selbstverständliche neue ökologische Ästhetik. Die städtischen Inspektoren waren verblüfft: alles regelkonform und doch so anders!

Gärten waren schon immer Versuchsfelder für Innovation, Improvisation und dem vergnüglichen Experimentieren mit der Natur. Gerade kleinen Projekten obliegt ein riesiges Potential, grundlegende Veränderungen in unserem Umgang mit der Natur anzustoßen, welche dann im großen Maßstab Anwendung finden. Wir glauben an diese Kraft des Gartens, aber nicht aus modischem Interesse, sondern weil, einen Garten anlegen immer bedeutet, sich auf einen Ort einzulassen, ihn zu lesen, um mit den vorhandenen Ressourcen nachhaltig zu wirtschaften.

Dieses Projekt erzählt vom lustvollen Experimentieren und zeigt, wie ein kleiner Garten zum Refugium wird für alles Lebendige inmitten einer städtischen Flusslandschaft. Der WY Garten liegt in einem Wohngebiet in Winnipeg, Kanada, auf einem schmalen Flussgrundstück. Auf der einen Seite genießt der Garten die stimmungsvolle Ruhe am Wasser, auf der anderen Seite grenzt die Parzelle an eine Erschließungsstraße. Vollversiegelte Hofeinfahrten garniert mit einer Prise Canadian Lawn sind die ortstypischen Empfangsräume. Auf den Nachbargrundstücken wird Rasenpflege betrieben gemäß den Rechtsvorschriften der Stadt, wonach die Grasnarbe maximal 15 cm erreichen darf. Ansonsten droht die Zwangsmahd auf Kosten der Eigentümer.

Saisonal wechselnde Wasserstände, jährliche Überschwemmungen, fortschreitende Erosion und hohe Konzentrationen an ‚roten‘ Sedimenten, der Red River in Winnipeg ist ein hochdynamisches städtisches Fließgewässer. Wie gehen wir um mit dieser Energie an dieser wundervoll gelegenen Flussparzelle? Der Garten ist eine einfühlsame Antwort auf diesen topologischen Kontext.

Er folgt einer sehr bestimmten botanischen Choreographie. Wir haben einen Wald aus Wurzeln gepflanzt, der den Gartengrund stabilisiert und die Parzelle vor Erosion schützt. Die artenreiche Lichtung aus ‘wilden’ Prairiegräsern und ‘domestizierten’ Stauden bietet einen Zufluchtsort für unterschiedlichste Besucher und Bewohner dieses Gartens. Die Wurzeln der Prairiepflanzen greifen tief in den Tonboden, 80% der Biomasse bleiben dem menschlichen Auge verborgen. Im Winter schmiegt sich der Schnee luftig leicht zwischen die Grasshalme. Für eine Vielzahl von Kleinsäugern und Insekten ist dies ein idealer Überwinterungsort. Diese Pukak Bewohner verbringen den Winter unter der isolierenden Schneeschicht. Pukak ist ein Inuit Wort und bezeichnet einen komplexen Layer aus Eiskristallen am Schneegrund. Wo es nur kurzgeschorene Vegetation gibt, so wie auf einem Canadian Lawn, bildet sich kein Pukak.

Seit sieben Jahren arbeiten wir zusammen mit den Besitzern an diesem Garten. Wir haben diskutiert, entworfen, verworfen, gebaut, gepflanzt, geschnitten, gewässert, gesät und geerntet. Wir beobachten viele Tiere, nicht nur zur Sommerzeit. Haupt-Baumaterialien waren Überreste, welche die Stadt produziert und weggeworfen hat. Markante Holzträger haben wir auf einer Deponie gefunden, aufbereitet, und mit kräftigen Farben versehen. Wie Sprungbretter liegen sie nun in der Wiese am Fluss oder empfangen als langer Tisch mit Bänken die Besucher bereits am Eingang.

Die Inspektoren der Stadt waren da, die Grasslänge überschritt die erlaubten 15cm. Wir konnten aber versichern, dass es sich bei dieser Ansammlung von Chlorophyll nicht um einen verwahrlosten ‘Lawn‘ handelt. Legal, illegal? Uns und den Besitzern ist es ‘sch... egal‘.

Apropos: kein einziger Nagel oder Schraube wurden verwendet. Nur die Schwerkraft hält Findlinge und Balken, Wurzeln und Boden, zusammen.


Auf einem schmalen Grundstück am Red River in Winnipeg wächst ein Garten und interpretiert die städtischen Bestimmungen zur ‚Rasengestaltung‘ mit einer ganz eigenen botanischen Choreographie. © Straub Thurmayr, 2013


Gibt es etwas angemesseneres als einen Garten, um die Vielfalt unterschiedlichster kultureller Perspektiven auszutauschen? Das Projekt zeigt, dass “cultiver son jardin” eine Anregung sein kann, wenn wir über die Rettung der Welt nachdenken. © Straub Thurmayr, 2017


Überbleibsel, welche die Stadt einst produziert und irgendwann weggeworfen hat, sind die Haupt-Baumaterialien. Die kontrollierte Aufbereitung und Zusammensetzung in einen neuen Kontext war ein Schlüssel zur räumlichen Verwandlung. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2013


Frühlingserwachen! Dem Schnitt der Gräser folgt ein Präludium aus lilienblütigen Tulpen. Blüten, Blätter, Farben, Formen, Licht und Lichtreflexionen ergeben einen sättigenden Augenschmaus. Die Gräser arbeiten sich langsam wieder nach oben. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2015


Die Sonne, das Chlorophyll und allerlei Blüten kolorieren den Garten im Laufe der Jahreszeiten. Wir haben noch einen Schuss umweltfreundliche Pigmente hinzugefügt. Kräftig leuchtend und dennoch dezent. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2015


Der Garten materialisiert die Idee, ein wenig Schutz und Diskretion ins Feld zu setzen. Ein geschützter und beschützender Ort, dazu bestimmt, das Wertvollste zu hüten: Pflanzen, Menschen, Tiere, Ideen und den Boden, worin alle wurzeln. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2017


Der gesamte Garten ist ein Raum in sanfter Bewegung, mit Verbindung zu den Wurzeln, den Gräsern, den Bäumen und dem Fluss. Licht, Schatten, Blicke, Räume, Zwischenräume, Vegetation und Architektur fügen sich zu einem stimmungsvollen Ganzen. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2015


Ein Esszimmer mit einem langen Tisch signalisiert den Wunsch, Gäste zu empfangen, bereits an der Einfahrt. Nur die Schwerkraft hält Holz und Stein zusammen. Im ganzen Garten wurden kein einziger Nagel oder Schraube verwendet. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2018


Momente der Ruhe. Der unsichtbare Wald aus Wurzeln schützt gegen Erosion, das Feld aus Gräsern lädt zu einem Bad im Licht. Ein freundlicher Ort zum Sitzen, Tagträumen, Spielen, Schauen, Hören, Denken, Essen, Trinken, Plaudern stundenlang. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2018


Pukak ist ein Inuit Wort und bezeichnet einen dünnen Layer am Schneegrund. Auf einem Rasen bildet sich kein Pukak. Während der Red River in seinem eisigen Bett überwintert, bietet der Garten Winterquartiere für Kleinsäuger und Insekten. © Dietmar Straub, Straub Thurmayr, 2018


Entwurfsverfasser
Dietmar Straub, Straub Thurmayr Landschaftsarchitekten und Stadtplaner

Mitarbeiter
Keine

Anna Thurmayr, Straub Thurmayr Landschaftsarchitekten und Stadtplaner

Mitarbeiter
Keine


Fachplaner / Bauleitung
- - -

am Bau beteiligte Firmen
Sunshine Maintenance and Landscaping, Winnipeg, Manitoba


Auftraggeber | Bauherr
Nobby Woo und Lorraine Yau

Bearbeitungszeitraum
2011 - 2018

Planungs- / Baukosten