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Sommerinsel – Die Landschaft aus der digitalen Matrix

Heilbronn

„Landschaftsarchitektur und Digitalisierung“ oder „Building Information Modeling (BIM) in der Landschaftsarchitektur“.

Das Experiment Sommerinsel wurde im Zuge der Bundesgartenschau Heilbronn als einer der ersten komplett 3D-generierten und gebauten Landschaftsparks weltweit realisiert.

Der Ort der Sommerinsel war im Beginn nichts anderes als eine zentrale Erdmiete im Gelände, Bagger und Kipplaster hatten riesige Mengen Aushub von lehmigem Schwemmland aus dem Neckar zwischengelagert. Wenn Maschinenführer unbewusst topographische Landschaftsbilder generieren, «wie generiert sich Landschaft dann selbst?» Diese Frage beschäftigte uns, denn «wie verhält sich die Natur als Landschaftsdesigner, wie beeinflussen Wind und Wasser, Gletscher und schmelzendes Eis Geländeoberflächen? » Und vor allem: «Ist es möglich, eine natürliche Wellenbildung im Boden mit einem generativen Design zu entwickeln?» Im ersten Schritt wurden Begrifflichkeiten wie „fluids“, „turbidite systems“ oder „ripple-marks“ aus der Geologie erkundet und deren Generationsmöglichkeiten untersucht.

Mit analogen Entwurfsmethoden konnte keine adäquate Annäherung an die Naturphänomene erreicht werden und die permanente Veränderung des Designprozesses wäre nur schwerlich fortzuschreiben gewesen. Daher wurden die ersten Zeichnungen von Moränen, Dünen und Sandwellen mithilfe von Rhino 3D und der visuellen Programmiersprache Grasshopper digital übersetzt. Der Planungs- und Bauprozess der Sommerinsel konnte so über einen „digitalen Zwilling“ permanent fortgeschrieben werden.

Auf dem Areal von etwa 4,2 ha wurden schräg an schräg organisch geformte Landschaftswellen aneinandergelegt, in denen sich die natürlichen Formen von Dünen, Moränen und die ephemeren Muster einer Sandlandschaft vereinen. Das Modell der 3D-generierten Landschaft, die nach den Regeln der Natur geformt wurde, wurde als Datenmatrix in ein digitales Geländemodell überführt. In den Baggern, die auf der Sommerinsel zum Einsatz kamen, waren Tabletts und GPS-Steuerung installiert, sodass die virtuelle Landschaft via Bildschirmsteuerung realiter nachgebaut werden konnte.
Die BIM-basierte Planung der Topographie ermöglichten eine rasante Fortschreibung in Varianten und ihrer Massen-und Kostenkontrolle in Echtzeit. Ein für alle Partner überraschendes Ergebnis war die durch das effektive Ineinandergreifen der Schnittstellen schnelle Bauzeit. Das Entwickeln und Bauen komplexer Landschaftsbilder auf diese Weise hatte es bisher technologisch bedingt noch nicht gegeben.

Der derzeitige Trend in der Diskussion um die Möglichkeiten von Digitalisierung und BIM im Bauwesen ist nach unserer Meinung zu monochrom auf die (sicher wichtigen) drei Bereiche von Produktionssteigerung, Kosteneffizienz und Fehlererkennung a priori fixiert. Die Konsequenz aus dieser einseitigen Betrachtung ist, dass „digital prototyping“ als künstlerisch-kreativer Prozess ausgeblendet wird und seine verändernde Kraft in den gestaltenden Disziplinen zu wenig entfalten kann. Kreative Modellierung von Landschaftsbildern, innovatives Wassermanagement oder die prozessuale Simulation von Vegetation können neben der reinen Systematisierung von Ausstattung wesentliche Zukunftsaufgaben der Disziplin darstellen.


Blick über die Sommerinsel, in der sich die natürlichen Formen von Dünen, Moränen und die ephemeren Muster einer Sandlandschaft vereinen. © Nikolai Benner, 2019


Die BIM-basierte Planung ermöglichte eine stetige Anpassung der Topographie mit Massen-und Kostenkontrolle in Echtzeit. © LOMA, 2019


Die Landschaft aus der digitalen Matrix © LOMA, 2019


Zusammenfluss von Moränen, Dünen und Sandwellen © Nikolai Benner, 2019


Wir wollten zwei gefühlsauslösende Bilder zu einer Melange verschmelzen – Dünenformationen der Küste mit den Endmoränen der Voralpenlandschaft. Dieser Vorgang könnte auch mit „samples“ in der Musik verglichen werden. © Nikolai Benner, 2019


Ein Fokus der Entwicklung der Sommerinsel lag in der „Wiedergewinnung der Topographie“, auch um dieses wesentliche und kraftvolle Element der Landschaftskunst wiederzuentdecken. © Nikolai Benner, 2019


Mit dem Generieren von betretbaren, topographisch geprägten Landschaftsbildern möchte die Sommerinsel auch eine Brücke in die Landschaftsarchitektur vergangener Dekaden bauen. © Nikolai Benner, 2019


Entstanden ist Landschaft als begehbare Skulptur, die wie im Barock oder später im englischen Garten eine pathetisch gebaute Inszenierung bietet. Aber als Bühnenbild für die demokratische Zeit. © Nikolai Benner, 2019


Außer Moränen, Dünen und Sand gibt es flache Passagen und Hänge zum Aufsteigen. Nur ein grünes Meer von Wellen, um sich zu sonnen und zu treffen. © Nikolai Benner, 2019


Die Sommerinsel als grüne Erdskulptur besteht dabei nur aus drei archaischen Materialen: Erde, Pflanze und mineralische Körnung. © Nikolai Benner, 2019


Entwurfsverfasser
Petra Brunnhofer, Ilija Vukorep und Wolfgang Schück LOMA architecture.landscape.urbanism

Mitarbeiter
Sabrina Campe, Franziska Marquardt, Hannah Hagedorn


Fachplaner / Bauleitung
Ausschreibung und Objektüberwachung LP 6-8: Riehl Bauermann + Partner Landschaftsarchitekten, Kassel
Prof. Wigbert Riehl, Universität Kassel Landschaftsarchitektur Technik
Mitarbeiter: Kerstin Barth, Jonas Otto

am Bau beteiligte Firmen
Bietigheimer, Tamm
Wolff & Müller, Stuttgart-Zuffenhausen


Auftraggeber | Bauherr
BUGA Heilbronn 2019 GmbH

Bearbeitungszeitraum
2016-2019

Planungs- / Baukosten
2,2 Mio. Euro