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Entwurfsverfasser Landschaftsarchitektur:
Dirk Christiansen, bgmr Landschaftsarchitekten GmbH

Mitarbeiter: Dipl.Ing. Martin Stokman, Dipl.Ing. Tim Krüger
Fachplaner/Bauleitung: Ingenieurbüro Obermeyer, Potsdam (Ingenieurbau / Wasserbau), Masuch + Olbrisch Ing.-gesellschaft mbH, Oststeinbek (Verkehrsplanung), ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin (Tragwerksplanung), Sauerzapfe Architekten, Berlin (Objektplanung Brücken), Merkel Ingenieur Consult, Kiel (Bauleitung)
am Bau beteiligte Firmen: Erwin Rumpf GmbH & Co. KG, Nortorf, SAW Schleswiger Asphaltsplitt-Werke GmbH & Co. KG, Kiel, Otto Heil Hoch- Tief- Ingenieurbau und Umwelttechnik GmbH & Co. KG, Enwacon Engineering GmbH & Co. KG
Auftraggeber/Bauherr: Landeshauptstadt Kiel Tiefbauamt Ingenieurbau 66.2
Bearbeitungszeitraum: 2013 - 2020
Fläche: 1,7 ha
Planungs-/Baukosten: 18,5 Mio. Euro



 Juryurteil:

Das Projekt zur Wiederbelebung der Innenstadt, Kleiner Kiel-Kanal, löst gekonnt die Aufgabe, aus einer vormals hochfrequentierte Durchgangsstraße eine Platzfläche mit außerordentlicher Aufenthaltsqualität zu generieren.

Die Jury lobt, dass es dem Entwurf gelingt, mit einer eigenständigen Gestaltsprache einen unverwechselbaren urbanen Raum zu kreieren. Die Wasserbecken des Kleinen Kiel Kanals zeichnen den historischen Stadtgraben nach. Sie verdrängen den ehemals sechsspurigen Verkehr, der den Passanten lediglich ein schmales Trottoir im Verkehrsgetöse ließ, und bilden das Rückgrat für den langgestreckten maritimen Stadtplatz.

Der mit einem fröhlichen Streifenmuster übergezogene Platz bietet – neben den zugänglichen Wasserbecken – große Pflanzinseln, deren gerundete Einfassungen wie auch die Holzdecks und Sitzstufen am Wasser, Passanten einladen sich niederzulassen und zu verweilen.

Hervorzuheben sind, dass der Planungsprozess vom Wettbewerb bis zur Realisation durch eine intensive Bürgerbeteiligung begleitet wurde, des Weiteren die Vielzahl an der Planung integrierter Fachingenieure wie auch die entstandene ökologische und soziale Qualität am Ort.

Die Aufgabe, den Bewohnern wie auch den Touristen einen lebendigen, modernen, verbindenden und niederschwellig erreichbaren und bespielbaren urbanen Raum anzubieten, erscheint gelungen. Der Kleine Kiel Kanal ist zu einem Anziehungspunkt mit Strahlkraft geworden, der es vermag, an relevanter Stelle im Stadtgefüge das Leben in der Innenstadt zu befördern und zu erhalten.

 

Projekterläuterung:

INNENSTADT ALS ‚PLACE TO BE‘

Mit dem Umbau der Holstenbrücke verfolgte die Stadt Kiel das Ziel die vormals als ÖPNV-Knotenpunkt und hochfrequentierte Durchgangsstraße genutzte Verkehrsfläche zu einer Platzfläche mit hoher Aufenthaltsqualität umzugestalten.
Durch Herstellung zweier raumgreifender Wasseranlagen wurde ein historisches Motiv an der Schnittstelle zum Altstadtkern wiederbelebt. Wo noch vor wenigen Jahren Fußgänger in Randbereiche eines Kreisverkehrs gedrängt wurden und die vielbefahrene Straße durch eine Passage umgingen, wird heute auf ganzer Länge flaniert.
Die zwischen den als ‚Kleinen Kiel‘ bezeichneten Binnenseen und dem Bootshafen eingeordneten neuen Wasseranlagen sind zentrale Bausteine der Richtung Förde entwickelten, öffentlichen Wasser-Platz-Folge.

INNENSTADT ALS EREIGNIS

Die Schnittstellen des ca. 1,50m tiefen, nördlichen Wasserbeckens und die Ränder des auf eine Tiefe von 40 cm auslaufenden Wasserplatzes wurden vielfältig programmiert. Balkonartige Vorsprünge, wasserbegleitende Sitzelemente und begehbare Inseln machen die fußläufigen Hauptbewegungslinien zu abwechslungsreichen Ereignisorten.
Darüber hinaus entstanden neue Möglichkeiten der informellen Aneignung. Wer es sich zutraut, der steht mit einem Schritt im Wasserplatz, kühlt sich an heißen Tagen die Waden oder lässt sich durch begehbare Wasserspiele erfrischen. Am unbefahrenen Altstadtufer schaffen mit spezialimprägnierten Hölzern gedeckte Boardwalks und Sitzelemente eine besondere Atmosphäre.
In enger Bindung zur bestehenden Fußgängerzone ist ein entspannter, moderner Stadtplatz entstanden, der neben unterschiedlichen Einkaufs- und Serviceangeboten viel Raum für Kontemplation und Erlebnisangebote lässt. Die ehemalige Barriere hat sich zu einem wichtigen Freiraumgelenk im Herzen der Stadt entwickelt. Bereits kurz nach Fertigstellung des Bauvorhabens ist erkennbar, dass sich dieser wichtige Teil der Innenstadt wieder zur Bühne des öffentlichen Lebens entwickelt.

INNENSATDT ALS gut erreichbarer, barrierefreier, gemeinsamer ORT FÜR ALLE

Der Planungsprozess wurde von einer intensiven Bürgerbeteiligung begleitet. Verkehrliche Neuordnungsmaßnahmen begünstigten die Entwicklung. Im Zuge der Maßnahme wurden Bushaltestellen verlegt und der motorisierte Individualverkehr umgeleitet. Durch die Ausweisung als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich, in dem heute lediglich noch Busse mit 20km/h verkehren dürfen, wurde die Attraktivität für Fahrradfahrer- und Fußgänger*innen deutlich gestärkt. Die heutigen Verkehrsflächen werden als eine große Platzfläche verstanden, die durch zurückhaltende Markierungen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern Orientierung geben.
Die hohe Anzahl an Busdurchfahrten machte neben dem Einsatz von Betonplattenbelägen die Einordnung asphaltgebundener Decken in Fahrbahnbereichen erforderlich. Um die Fahrbahnflächen weiterhin deutlich als Teil des Platzes erkennbar zu machen, erfolgte eine Angleichung an die Fußgängerbereiche durch Beschichtungen mit epoxidharzgebunden Feinsplitten. Auf der ganzen Platzlänge ermöglicht der oberflächengleiche Anschluss des Fahrbahnbereichs eine stufenlose Querung. Die übergeordnete Gestaltung schafft Aufmerksamkeit und signalisiert sowohl gegenüber dem Bus- als auch dem Radverkehr den besonderen Status des neuen Platzraum in der Innenstadt.

INNENSTADT ALS KLIMAZONE

Ein 2 m breites Schilfband übernimmt die Funktion der Gewässerreinigung und dient gleichermaßen durch Verdunstung in Hitzeperioden als Kühlungsbeet in der Stadt. Mit der Wasserreinigung über bepflanzte Bodenfilter wird die Gewässergüte gesichert und der Unterhaltungsaufwand deutlich reduziert.

Öffentlicher Raum als Motor der INNENSTADT ALS PREMIUMLAGE

Durch die Impulsmaßnahme wurden nach Aussage der Stadt Kiel bereits ca. 100 Mio € private Folgeinvestitionen ausgelöst. Im Nahbereich der Maßnahme entstehen derzeit, zeitgleich zur Aufwertung der baulichen Bestände, neue hochwertige Gastronomie-, Hotel- und Geschäftslagen.